Es ist normaler als du denkst, bei vielen Paaren ist früher oder später die Sexualität eingeschlafen. Ich kenne es selbst und erlebe es immer wieder in meiner Praxis, wie schnell es passieren kann, dass die Sexualität zum Randthema in der Beziehung wird. Das ist eine reale Gefahr für jede Beziehung – nicht selten gibt es bei einem oder sogar beiden einen Seitensprung – zumindest vom Gedanken. Je unzufriedener und unglücklicher einer – oder ihr beide – mit der Situation seid, desto emotionaler wird es: Es melden sich Schuldgefühle, es kommt zu Vorwürfen oder sogar zum totalen Rückzug.

Bitte keine Schuldzuweisungen!

Sexualität mit dem Partner ausleben und auf spielerische Weise genießen zu können, ist ein wichtiger Baustein der Liebe. Doch Sex ist vielschichtig, für jeden von uns hat er eine unterschiedliche Bedeutung:

  • Was verbinde ich mit Sex? Ist es für mich ein wichtiger Ausdruck von Nähe, ein Liebesbeweis oder einfach nur Ausleben der eigenen Lust?
  • Wie stehe ich dazu? Wie wichtig ist mir Sex, wie bin ich aufgewachsen und welche Erfahrungen habe ich gesammelt?

Gehen die Bedürfnisse auseinander, weil der eine beispielsweise gerne mehr Sex hätte oder mal etwas anderes ausprobieren möchte, führt das meist zu einem Schwelbrand in der Beziehung. Das wiederum wird zur Belastungsprobe – und je weniger offen ihr darüber sprecht, desto mehr wird es zum Pulverfass, das ernsthaft die Liebe bedroht. Ich lege dir daher ans Herz, mit mir auf die eigentlichen Ursachen zu schauen – nicht auf das Symptom. Ihr seid nämlich nicht alleine!

Ursache: Es fehlt an der emotionalen Nähe und doch soll Sex spontan sein

Wie soll körperliche Nähe entstehen, wenn ihr euch als Paar nicht versteht, zutiefst verletzt seid oder auseinander gelebt habt? In der Sexualität lässt du dich im besten Sinne doch fallen, zeigst dich von einer verletzlichen Seite und das soll ohne positive Gefühle und einem Gefühl der emotionalen Nähe zu deinem Partner funktionieren? Wenn es in eurer Beziehung gerade kriselt, wenn einer oder beide sich nicht verstanden, geliebt – vielleicht sogar entfremdet fühlt, dann kann das Sexuelle nicht klappen. Deswegen ist es so wichtig, zunächst einmal wieder Verständnis für – und Interesse aneinander zu entwickeln. In meiner Praxis erzählen mir Pärchen immer wieder, dass sie eine Verabredung zum Sex blöd finden – er soll doch bitte spontan sein. Ich frage dann: „Wie lange wollen Sie noch warten, bis Sie wieder spontan wilden Sex miteinander haben?“. Das mag wenig einfühlsam klingen, doch wir alle haben unsere eigenen Idealbilder, wie wir unsere Sexualität leben wollen und da steht bei so ziemlich allen die Spontanität an erster Stelle. – Das ist schön! Doch wenn das Sexleben gestört ist, heißt es, sich bewusst aufeinander zuzubewegen. Den Weg zur Lust wieder freimachen … dann wird der Sex auch wieder spontan.

Ursache: Der Alltag frisst mich auf – und damit meine Lust

Die Arbeit, die Kinder, der Haushalt oder was auch immer den eigenen Tagesablauf bestimmt: Viele sind heute schlichtweg überfordert und am Abend oder am Wochenende – wenn für die meisten Paare überhaupt eine sexuelle Begegnung möglich ist – kraftlos und ausgelaugt. Seien wir ehrlich: Sex fühlt sich dann manchmal wie etwas an, zu dem man sich aufraffen muss. Das Kraft kostet. Vielleicht sogar ein weiteres „ToDo“, weil es dazugehört oder weil es ja doch in gewissen Intervallen sein muss. Mitunter für den anderen. Das ist sowas von verständlich. Je mehr wir eingespannt sind und je gestresster wir uns fühlen, desto weniger haben wir buchstäblich den Kopf frei. Paradoxerweise wäre gerade Sex genial, um aus der Anpassung rauszukommen und sich miteinander fallen zu lassen, zu entspannen. Doch das geht natürlich nicht, wenn es als Pflichtübung abgehakt wird – oder immer wieder verschoben.

Ursache: Sex macht mir keinen Spaß, ich weiß aber auch nicht, was ich will

Kommen wir zur Langeweile: Oft wird Sex zur Routine, die um es mal ganz unverblümt zu sagen, abgespult wird. Das macht es zur Pflichtübung, manchmal lässt es einer von beiden über sich ergehen. Da sind wir dann auch gerne beim Orgasmusfaken – was Männer übrigens genauso können. Was hier oft zu wenig beachtet wird, ist die eigene Lust. Wie frei wir mit Sex umgehen und vor allen Dingen, wie sehr uns die eigenen Bedürfnisse und Wünsche bewusst sind.

  • Was mag ich eigentlich wirklich?
  • Was erregt mich?
  • Welche Berührung, welcher Blick?

Oft wissen wir es schlicht weg nicht, haben es noch nicht entdeckt. Und: Bin ich offen dafür, auf Erkundung zu gehen? Alleine und gemeinsam?

Ursache: Ich habe (dauerhaft) keine Lust

Bei fast allen Paaren ist das Lustempfinden unterschiedlich – nicht unbedingt immer zu Beginn einer Beziehung, aber spätestens wenn sie länger andauert, was auch „normal“ ist. Es gibt außerdem viel mehr Menschen, als wir ahnen, die einfach kein Interesse und keine Lust an Sex haben. Das ist völlig in Ordnung! Was dann nur wichtig ist, ganz ehrlich mit dem Partner darüber zu sprechen. Ist das für ihn okay? Oder ist es für ihn anders? Und wie wollt ihr damit umgehen, wenn einer Lust hat und einer eben nicht?

Ursache: Wir sprechen nicht über unsere sexuellen Wünsche und Bedürfnisse

Aus Angst vor Zurückweisung oder Scham fehlt der Austausch. Da spielen natürlich ganz viele Punkte rein, unter anderem auch, welche Erfahrungen du in vorherigen Beziehungen gemacht hast, als du dich geöffnet hast.

  • Wie soll der andere wissen, was mir Spaß und Freude macht, wenn ich nicht darüber spreche?
  • Wie soll ich darüber sprechen, wenn ich es selbst gar nicht weiß?
  • Wie soll ich wissen, was meinem Partner gefällt, wenn ich darüber nicht mit ihm spreche, ihn frage?

Dazu kommt, dass wir vielleicht im Bett etwas tun, um uns Lust zu verschaffen, doch der andere mag es so oder genauso gar nicht, traut sich aber nicht, es zu sagen – aus Angst zu verletzen. Ich bin ja kein Freund von Dogmen, doch hier gilt tatsächlich: Miteinander reden hilft. Gerade, wenn die Sexualität eingeschlafen ist.

Sexualität eingeschlafen – und nun?

Die Selbsterkenntnis und sich eurer Ursachen bewusst zu werden erleichtert die Veränderung. Auf jeden Fall kann es verhindern, dass es gar nicht erst zu Schuldgefühlen und Vorwürfen kommt. Wenn es schon soweit ist, dann könnt ihr jetzt dafür sorgen, das Pulverfass zu entschärfen. Dies ist Teil 1 meiner Artikelserie, dort findest du auch Tipps für eure körperliche Liebe und erfüllte Beziehung, die nicht nur eine kurzfristige Mode sind. Klicke zum Anzeigen auf den jeweiligen Link:

Alles Liebe Olaf P.S. Du wünschst dir konkrete Hilfe? Für eure lebendige Beziehung und bist bereit dafür Zeit zu investieren? Dann nimm Kontakt mit mir auf und finden Rezepte, dass ihr auch wirklich leben und umsetzen könnt.

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2 Kommentare

  1. Melanie Mittermaier

    Hallo Olaf,

    oh ja, da bin ich mit meinem Mann auch schon durch gegangen. Für uns war es das Thema Kommunikation. Wir haben nie über Sex gesprochen, es hat ja viele Jahre alles gepasst. Wir durften lernen, uns darüber zu unterhalten und neue Dinge ausprobieren.

    Ich bin übrigens der Meinung, dass die Monogamie eine Ursache für eingeschlafene Lust ist. Mit anderen Männern flirten, mal fremde Haut zu spüren und sich zu erlauben, Gefühle für andere Menschen zu empfinden, hat meine Lust extrem angekurbelt und tut es bis heute. Auch die Flirts, die mein Mann hat, finde ich spannend und Lust fördernd.

    Herzlichst
    Melanie

    Antworten
    • Olaf Schwantes

      Hallo liebe Melanie,
      vielen Dank für deinen Kommentar und das Teilen deiner Erfahrungen. Ganz spannender Weg und schön, dass ihr diesen für euch entdeckt habt!

      Ob Monogamie nun dafür verantwortlich ist oder nicht … wichtig ist – so wie du es auch schreibst – überhaupt endlich einmal über Sex zu sprechen. Alles Liebe für dich
      Olaf

      Antworten

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