Abgrenzung in Beziehungen ist ein Thema, wo viel Leid in Kauf genommen wird. Unter dem Motto “Das musst du aushalten.”

Vor ein paar Wochen habe ich im Facebook-Live-Talk erstmals über dies Thema und meine eigene Betroffenheit gesprochen sowie einen kurzen Artikel dazu verfasst. Somit weiß ich nicht nur aus meiner professionellen Sicht, welche Herausforderung das Thema Selbstfürsorge für eine Paarbeziehung bedeutet, wenn es dem Partner nicht gut geht.

Letztlich sind Selbstfürsorge und Abgrenzung aber zentrale Themen für jede Beziehung.

Nachfolgend fasse ich dir mein Gespräch mit Petra Schlitt, die aus zweierlei Sicht betroffen ist, zusammen. Es ist keine Abschrift. Deswegen schaue dir ruhig das Video an. Du investierst 26 Minuten:

Kurz zur Vorgeschichte

Der Mann von Petra Schlitt hatte vor vielen Jahren einen Verkehrsunfall und ist seitdem querschnittsgelähmt. Aufgrund der Erfahrungen mit diesem einschneidenden Erlebnis, das das gemeinsame Leben der beiden von einem Tag auf den anderen veränderte, habe ich das Gespräch mit Petra geführt.

Was war in der ersten Zeit nach dem Unfall am Hilfreichsten?

Neben der eigenen Familie waren es vor allem zwei Freundinnen, die ihr zur Seite standen. Dort konnte Petra alle Emotionen rauslassen.

Zusätzlich hat sie sich professionelle Unterstützung bei einer Beratungsstelle gesucht. Dies half ihr, die Außensicht einzunehmen und vor allem das eigene Verhalten zu reflektieren.

Was war in der ersten Zeit gut, was weniger?

Wenig hilfreich waren Aussagen aus dem Umfeld, wie z.B.

„Gott hat Großes mit dir vor“ oder

„Für uns ist er noch nicht querschnittsgelähmt“

das war schlichtweg anmaßend für sie und ein Leugnen der Realität.

Interessanterweise war selbst die offene Frage „Wie können wir dir helfen?“ schlichtweg eine Überforderung. Hilfreich waren dagegen konkrete Angebote wie

„Ich gehe am Sonntagvormittag ins Krankenhaus, nimm dir Zeit für dich.“

Was half, um für sich selbst Sorge zu tragen?

Feste Rituale waren für Petra zu Beginn besonders wichtig. Seien es feste Zeiten, zu denen sie ins Krankenhaus ging oder das Anzünden einer Kerze, wenn sie nach Hause kam. Statt ein Tagebuch zu schreiben, hat Petra eine Mail an alle Angehörigen und Freunde mit dem aktuellen Stand geschickt.

Wie klappt es heute mit der Selbstfürsorge?

Bewährt hat sich für Petra die jährliche Auszeit. Eine Woche, die sie ganz bewusst für sich nutzt und mit Wellness oder den Dingen, die sie stärken verbringt. So füllt sie ihre Akkus wieder auf.

Zu Beginn hatte sie ein schlechtes Gewissen

„Darf ich das überhaupt, was denkt mein Umfeld?“

Heute genießen beide die Zeit für sich alleine.

Wie hat der Mann auf den Wunsch nach Auszeiten reagiert?

Zu Beginn ging es um ganz elementare Fragen: Wie viel Lebensmut hat der eigene Mann überhaupt noch? Aber auch: Bleiben wir überhaupt zusammen?

„Wir haben die Wahl, wie wir damit umgehen!“

dies wirklich zu realisieren war für beide sehr erlösend. So fiel die Entscheidung, zusammen zu bleiben, freiwillig, weil beide es wollten und noch immer wollen. Diese Freiwilligkeit ist ein tragender Faktor, bis heute.

Für die tatsächliche Auszeit ist es dann wichtig, dass der Mann medizinisch gut versorgt ist.

Was hat geholfen, um sich selbst das Okay für die Auszeiten zu geben?

Ihr Umfeld hat sie früh auf die Notwendigkeit einer Pause hingewiesen. In der professionellen Beratung konnte Petra die eigenen Glaubenssätze und Überzeugungen  gut für sich hinterfragen und auch diese Fragen für sich zu beantworten:

  • „Wie lange kannst du so weitermachen?“
  • „Was bedeutet dies für deine Zukunft?“

Die Umsetzung nahm sie in kleinen Schritten vor, als Prozess. Mittlerweile weiß sie, wie wichtig ihr die Auszeiten sind und wie gut diese  ihr und ihrer Beziehung tun.

Heute gönnen sich beide gegenseitig ihre Auszeiten, zu Beginn keine Selbstverständlichkeit. Petra empfindet ihren Mann dabei als sehr großzügig.

Auch ihr Umfeld war erleichtert, was sich auch in den Reaktionen zeigte

„Endlich schafft du es!“ und

„Wir halten dir den Rücken frei!“

Abgrenzung in Beziehungen: Was hilft?

Grenzen sind nicht starr. Sie sind immer wieder neu von beiden zu definieren und zu verhandeln. Meist geht es dabei um ganz banale Sachen, wie beispielsweise das Ausräumen der Spülmaschine.

Als zentrale Frage hat sich dabei herauskristallisiert

„Muss ich es tun oder hat es sich nur über die Zeit etabliert?”

Gespräche und Abstimmung helfen

Dies klappte bei Petra und ihrem Mann schon vor dem Unfall gut. Somit war es eine verlässliche Basis für beide, die auch Sicherheit gab und immer noch gibt.

Übrigens war der erste Streit ein wichtiger und großer Schritt Richtung Normalität. Denn nun war es nicht mehr notwendig, sich gegenseitig mit dem Samthandschuh anzufassen.

Waren Regeln hilfreich?

Nein. Beiden geholfen hat der respektvolle Umgang miteinander. Um damit die Gratwanderung zwischen

“Ich brauche Hilfe” und

“Das kann ich alleine”

zu meistern. Selbst Petras Familie nutzt sie heute noch als Gradmesser, um festzustellen, ob ihr Mann nun Hilfe benötigt oder eben nicht.

Was hast du rückblickend aus eurer Situation gelernt?

Für Petra ist eine große Lehre, dass nicht alles schlecht ist. Es gibt immer wieder kleine Augenblicke der Freude, den Funken von etwas Schönem.

Und dann die Wahlfreiheit zu spüren

„Ja, die Konsequenzen und der Preis könnten heftig sein, doch ich habe die Wahl.“

Was habt ihr als Paar gelernt?

Die schon vor dem Unfall vorhandenen Werte wie Respekt, der partnerschaftliche und großzügige Umgang sowie Spaß miteinander konnten beide weiterleben.

Sie haben ein tieferes Bewusstsein für das Leben entwickelt, da ihnen die eigene Endlichkeit bewusster geworden ist. Sie genießen mehr den Augenblick und das Leben, auch mit rauschenden Festen.

Abgrenzung in Beziehungen: Petras Tipps für betroffene Paare

  • Kenne deine eigenen Bedürfnisse und trage dafür selbst Sorge
  • Sei dir bewusst, welche unverhandelbar sind
  • Schaffe dir ein stabiles, unterstützendes Umfeld mit Familie und Freunden
  • Gönnt euch gegenseitig Auszeiten und nehmt diese auch wahr
  • Habt den Blick darauf, was wirklich gut läuft
  • Nichts ist starr – verhandelt immer wieder neu und fragt euch, ob die Unterstützung so überhaupt noch notwendig ist

Ich bin Petra für das sehr offene, persönliche und ehrliche Gespräch dankbar.

Du willst mehr über Petra Schlitt und ihre Arbeit erfahren? Du findest alles über sie auf ihrer Internetseite sowie ihrem Facebookauftritt.

Wie geht es dir mit dem Thema? Was nimmst du aus dem Gespräch für dich mit? Ich freue mich sehr über deinen Kommentar.

Und nun ich wünsche dir viel Mut und Kraft für deine Entscheidungen! Damit dir die Abgrenzung in Beziehungen gelingt.

Alles Liebe

Olaf

Du möchtest regelmäßige Beziehungsimpulse - umsetzbar und mit echtem Mehrwert - wöchentlich in dein E-Mail-Postfach?

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.